Immer Ärger mit dem Tod

© Uwe Hermann

»Ich bin tot«, sagte der Mann.
Während sich mein Kugelschreiber mit der präzisen, in den letzten fünfzehn Jahren beim städtischen Arbeitsamt erworbenen Routine über das Blatt Papier bewegte, drangen die Worte in mein Bewußtsein.

Ich blickte von meinen Unterlagen auf und starrte den Mann an, der sich vor meinem Schreibtisch auf einem Stuhl niedergelassen hatte.

»Wie bitte?«

»Ich sagte, ich bin tot«, wiederholte die bleiche, in verdreckten Kleidern gehüllte Gestalt.

Ich spürte, wie mein Magen zu rumoren begann, das tat er immer, wenn ich mich aufregte. Nicht daß ich keinen Humor besaß, es kam durchaus vor, daß ich lachte - nur nicht in den Geschäftszeiten des Arbeitsamtes.

»Wollen Sie mich ...«

»Ich weiß, daß es unglaublich klingt«, unterbrach der Mann mich, »aber Sie können mir glauben. Ich bin vor fast sechs Monaten gestorben, und ich suche seitdem jemanden, der mir helfen kann.« Er blickte mich weinerlich an. »Sie sind meine letzte Hoffnung, mein Leben kann so nicht weitergehen.«

In den vielen Jahren, die ich als Mitarbeiter des städtischen Arbeitsamtes tätig war, hatte ich zwar schon eine Menge seltsamer Gestalten erlebt, doch ein Toter war mir bislang noch nicht untergekommen.

»Ich bin zwar kein Arzt«, sagte ich, »aber ich erkenne auch so, daß Sie nicht unbedingt wie eine sechs Monate alte Leiche aussehen.« Ich knallte meinen Kugelschreiber auf die hölzerne Schreibtischplatte, nicht ohne darauf zu achten, daß er in einem exakten Winkel von neunzig Grad neben meinem Terminkalender lag.

»Außerdem müßten Sie dann doch wohl längst beerdigt sein. Wenn Sie also nur gekommen sind, um sich einen Scherz mit mir zu erlauben, dann kann ich Ihnen nur raten, schnellstens wieder zu verschwinden.«

Der Stoßseufzer des Toten klang wie das Pfeifen einer altersschwachen Dampflok. »Aber Sie müssen mir glauben, das ist kein Scherz. Ich bin wirklich seit Mitte Februar tot.«

Das Rumoren in meinem Magen nahm bedrohliche Ausmaße an. »Und warum sind Sie dann immer noch unter den Lebenden? Müßten Sie als Toter nicht längst im Jenseits sein?«

Mein Gegenüber nickte so hastig, daß ich für einen kurzen Moment befürchtete, sein Kopf würde vom Hals fallen.

»Das war ich auch«, sagte er. »Nach meinem Ableben erwachte ich im Jenseits, das ist so etwas wie ein Abfertigungsterminal für unsere Seelen.« Er lächelte entschuldigend. »Ich wünschte, ich könnte Ihnen das besser erklären, aber Sie müssen schon selbst sterben, um diesen Ort zu verstehen.«

Obwohl sich mein Gesicht zusehends verfinsterte, sprach der Tote weiter.

»Dort wird über jeden Menschen eine Akte geführt. Unsere guten Taten und unsere Sünden sind dort genau vermerkt, und glauben Sie mir, die wissen verdammt gut Bescheid.

Nach unserem Ableben entscheidet der Computer des Jüngsten Gerichts, wo wir den Rest unserer Existenz verbringen müssen. Die Software rechnet die guten Taten und die Sünden gegeneinander auf. Überwiegen die guten Taten, kommen wir in den Himmel, überwiegen die Sünden, müssen wir die Zeit bis zu unserer Wiedergeburt im Fegefeuer ausharren.«

Ich blickte ihn entgeistert an. »Sie wollen mir doch wohl nicht erzählen, daß das Jüngste Gericht eine eigene Computeranlage hat?«

»Können Sie sich vorstellen, wie viele Menschen tagtäglich sterben? Es blieb ihnen gar nichts anderes übrig, als auf EDV umzustellen. Wie hätte man diese gewaltigen Menschenmengen anders bewältigen wollen? Ich kenne niemanden, der ein halbes Jahr oder länger auf sein neues Zuhause warten möchte, nicht einmal, wenn er schon tot ist.«

Der Mann lächelte gequält. »Leider hat K.A.N.T.E.R. einen Programmierfehler.«

»Kanther?«

»K.A.N.T.E.R. - das Kontrollprogramm zur Aufenthaltsbestimmung von Neuankömmlingen und deren Transport zur Endgültigen Ruhestätte - das ist die Software, die über unser Schicksal entscheidet. In ihrer Datenbank sind unsere Akten gespeichert, und sie errechnet nach unserem Ableben, ob sich für uns die himmlische Pforte öffnet oder ob wir im Fegefeuer schmoren müssen.«

Ich fand, daß dieser Mann für einen Verrückten ungewöhnlich phantasievoll war.

»Dummerweise hatte der Programmierer der Software nicht daran gedacht, daß es noch eine dritte Möglichkeit gibt. Manchmal kommt es vor, daß sich bei einem Menschen die guten und die schlechten Taten gegenseitig aufwiegen. In so einem Fall bricht das Programm einfach ab, und der Tote landet wieder auf der Erde - so wie ich.«

»Die Software kann man doch wohl korrigieren.«

»Natürlich, aber der Lieferant des Programms lehnt jeden Support mit der Begründung ab, daß die Hardware von einem anderen Händler geliefert wurde - außerdem ist der Programmierer der Software inzwischen gestorben - ein billiger Racheakt, wie ich vermute.

Zufällig ergab auch bei ihm der Vergleich von Gut und Böse Null. Er mußte zurück auf die Erde und als Toter weiterleben.«

Der Mann sah mich herausfordernd an. »Nun raten Sie mal, wer der Programmierer war ...«

Mein Gesichtsausdruck mußte genau verraten, was ich von dem Gesundheitszustand meines Gegenübers hielt. »Ich will Ihnen gerne glauben, daß Sie der Meinung sind, Sie wären tot, aber ich kann Ihnen dennoch nicht helfen.«

Ein verlegenes Lächeln erschien auf meinem Gesicht. »Vielleicht sollten Sie ihr Problem einmal von einer anderen Seite angehen. Haben Sie es schon bei einem Spezialisten versucht?« fragte ich vorsichtig.

»Ich bin doch nicht verrückt, nur tot«, erwiderte der Leichnam ärgerlich.

»Sie müssen aber doch zugeben, daß Ihre Geschichte sehr unglaubwürdig klingt. Wenn es wirklich stimmt, was Sie behaupten, dann müßten doch noch mehr Tote auf der Erde leben.«

»Aber die gibt es doch auch. Doch den meisten ist es sehr peinlich, zugeben zu müssen, daß sie bereits tot sind. Außerdem werden in unserer Gesellschaft alte Menschen schon sehr schlecht behandelt, was glauben Sie, wie man erst Tote behandelt?«

Ich seufzte. »Gut, nehmen wir einmal an, Sie sind wirklich tot, was wollen Sie dann von mir? Sehe ich etwa wie ein Bestattungsunternehmen aus?«

»Was ich von Ihnen will? Aber das liegt doch auf der Hand, ich brauche Arbeitslosengeld. Ich bin zwar tot, aber ich muß doch von irgend etwas leben. Oder glauben Sie, nur weil ich gestorben bin, ist das Leben jetzt leichter für mich?«

Ich nahm meine Brille ab und rieb mir stöhnend die Augen. Ich bekam entschieden zu wenig Gehalt für all den Streß. »Gut, lassen wir Ihren Gesundheitszustand einmal außer acht«, sagte ich zweideutig. »Wenn ich Ihnen helfen soll, brauche ich Ihre Papiere. Sie haben Ihre Unterlagen doch hoffentlich dabei?«

Der Tote nahm aus der Innentasche seiner Jacke einen gefalteten Din-A4-Umschlag und reichte ihn mir.

»Sicher, meine Geburtsurkunde, meine letzte Arbeitsbescheinigung, meine Sterbeurkunde ...«

Ich erstarrte. »Ich sprach von Ihren Papieren. Dies sind die Unterlagen eines Toten.«

»Ich Bin tot!«

In diesem Moment schien mein Gegenüber abzuwägen, ob er als Toter für einen Mord noch zur Rechenschaft gezogen werden konnte. Hoffentlich war er sich darüber im klaren, daß ihm ein Mord in seiner jetzigen Situation nicht weiterhalf und schlimmstenfalls seine himmlische Akte negativ belasten würde - von den Auswirkungen auf meine Gesundheit ganz zu schweigen.

Während die Mordlust im Blick des Mannes langsam nachließ, nahm ich aus der Schublade meines Schreibtisches ein Röllchen mit Magentabletten.

Obwohl ich Beamter war, hielt ich mich eigentlich für sehr aufgeschlossen, schließlich lebte ich in einer Zeit, in der man ferngesteuerte Miniautos auf dem Mars abwarf, doch was dieser Mann von sich gab, war mehr, als ich verkraften konnte.

Der Mann streckte entnervt seinen Arm aus. »Ich bin wirklich tot. Fühlen Sie doch meinen Puls, wenn Sie mir immer noch nicht glauben.«

»Das wäre sinnlos, ich bin Beamter und kein Arzt. Ich wüßte gar nicht, wo ich Ihren Puls suchen sollte.«

Plötzlich fiel der Blick des Toten auf den dolchförmigen Brieföffner, der auf meinem Schreibtisch lag.

»Dann gibt es nur noch eine Möglichkeit«, sagte er und griff blitzschnell nach dem spitzen Gegenstand.

Ich erbleichte. Für eine bange Sekunde hatte ich die Befürchtung, daß ich meine Pension nun nicht mehr erhalten würde.

Der Mann setzte die Spitze des Brieföffners auf seine Brust und nickte mir aufmunternd zu. »Los, stoßen Sie mir den Dolch ins Herz.«

Jetzt war ich mir vollkommen sicher, daß der Mann den Verstand verloren hatte.

»Nur Mut. Erinnern Sie sich, ich bin schon lange tot. Mir kann nichts mehr geschehen.«

»Natürlich«, erwiderte ich, »und wenn Sie sich irren, habe ich Sie umgebracht. Ich kann mir aber nicht vorstellen, daß sich ein Mord gut in meiner Personalakte machen würde, von den Auswirkungen auf meine Beförderung ganz zu schweigen.«

»Ich Bin Aber Schon Tot!«

»Das sagen Sie ...«

Ich sah, wie sich die Finger um den spitzen Brieföffner verkrampften, und fuhr hastig fort: »Aber wenn Ihnen so viel daran liegt, dann glaube ich Ihnen eben - nur legen Sie den Brieföffner wieder weg.«

Resigniert legte der Mann den Dolch auf meinen Schreibtisch zurück, und ich verstaute ihn eilig in eine Schublade.

»Wissen Sie«, sagte der Leichnam deprimiert, »ich hatte von meinem Tod immer eine sehr romantische Vorstellung. Ich dachte, ich würde den Körper verlassen und unter leisen Sphärenklängen durch eine Röhre einem hellen Licht entgegenschweben und schließlich das Paradies erreichen, daß mein Tod einmal so aussehen würde, hätte ich niemals erwartet.«


Ich kratzte mich nachdenklich am Kopf. »Vielleicht sollten Sie sich an die Kirche wenden, ich kann mich erinnern, daß bei denen ein ähnlicher Fall vor etwa 2000 Jahren auftrat.«

Der Mann winkte ab. »Das habe ich bereits, aber leider bin ich schon zu Lebzeiten aus der Kirche ausgetreten.«

»Haben Sie denn keine Freunde oder Bekannten, die Sie unterstützen würden?«

»Seit meinem Tod verhalten sich meine Freunde mir gegenüber sehr zurückhaltend. Man könnte meinen, ich habe eine ansteckende Krankheit, dabei bin ich nur tot.«

»Und Ihre Frau ...?«

»Nachdem meine Lebensversicherung ausgezahlt wurde, verkaufte sie unser Haus und zog mit ihrem Geliebten in die Karibik.«

Ich vergewisserte mich, daß die Schublade mit dem Brieföffner fest geschlossen war. »Dann tut es mir leid«, sagte ich. »Ich war wirklich nachsichtig mit Ihnen, aber wenn Sie keine gültigen Papiere besitzen, kann ich Ihnen auch nicht helfen, ganz gleich, ob Sie tot sind oder noch leben.« Bevor die Leiche etwas erwidern konnte, fuhr ich hastig fort. »Und mit gültigen Papieren meine ich die Unterlagen eines Lebenden. Tote haben in unserem Land nun mal keinen Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung. Ich würde Ihnen ja gerne helfen, aber ich habe meine Vorschriften.«

Die Leiche sackte auf ihrem Stuhl zusammen. »Weil ich tot bin und nicht mehr arbeiten kann, brauche ich Arbeitslosenunterstützung, die bekomme ich aber nicht, weil ich tot bin. Ich kann mir nicht mal einen Strick nehmen und mich erhängen, schließlich bin ich bereits tot.«

Ich warf einen demonstrativen Blick auf meine Armbanduhr. »Ich denke, weitere Gespräche erübrigen sich. Kommen Sie wieder, wenn Sie gültige Unterlagen besitzen.«

Der Tote blickte mich mutlos an, dann steckte er seine Papiere ein und erhob sich. »Danke, daß Sie sich Zeit für mich genommen haben. Es war schön, einen Menschen mit so großer Zuversicht zu treffen«, sagte er. »Hoffentlich werden Sie nicht enttäuscht. Ich persönlich würde alles tun, um die guten Taten in meiner göttlichen Akte zu erhöhen, aber das ist natürlich Ihre Sache. Ein Leben als Toter ist hier auf der Erde schon kein Zuckerschlecken, aber in der Hölle soll es noch weitaus unangenehmer sein.« Der Tote wandte sich dem Ausgang zu.

Ich war jetzt doch nachdenklich geworden. Als mein Besucher schon fast durch die Tür war, kam mir ein Gedanke. »Einen Moment noch.«

Der Mann drehte sich um. »Ja?«

»Sie kennen nicht zufällig eine Möglichkeit, wie ich schon jetzt erfahren kann, was in meiner Akte steht?«

Der Tote schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, so eine Möglichkeit gibt es nicht. Wie es in Ihrer göttlichen Akte aussieht und wo Sie den Rest Ihrer Existenz verbringen werden, erfahren Sie erst nach Ihrem Tod. Ich kann Ihnen nur raten, noch möglichst viele gute Taten zu vollbringen, dann ist die Gefahr, daß Sie nach Ihrem Ableben im Fegefeuer landen, nicht mehr so groß.«


Der Tote öffnete die Tür. »Jetzt habe ich aber genug von Ihrer kostbaren Zeit verschwendet. Leben Sie wohl.«

Nicht daß ich der Meinung gewesen wäre, der Mann sagte die Wahrheit, doch ein wenig Vorsicht konnte sicher nicht schaden. Außerdem hatte ich nicht jahrelang als Beamter gearbeitet, um nach meinem Ableben in der Hölle zu landen, dann hätte ich ja gleich Politiker werden können.

»Nun warten Sie doch mal«, sagte ich hastig. »Sie werden als Toter doch wohl etwas mehr Zeit mitgebracht haben. Machen Sie die Tür wieder zu, und setzen Sie sich. Ich kann Ihnen zwar keine Arbeitslosenunterstützung bewilligen, aber vielleicht gibt es ja noch eine andere Möglichkeit, wie ich Ihnen helfen kann.«

Während der Tote sich setzte, griff ich nach meinem Telefon und führte ein kurzes Gespräch, schließlich legte ich den Hörer auf und kritzelte eine Adresse auf ein Stück Papier. »Melden Sie sich bei dieser Person«, sagte ich, und reichte dem Toten den Zettel. »Dort hat man Arbeit für Sie.«

Der Leichnam atmete auf. »Ich wußte, daß Sie mir helfen werden. Wenn ich nicht schon tot wäre, würde ich sagen, Sie haben mein Leben gerettet.«

Ich winkte ab. »Aber ich bitte Sie, daß ist doch unsere Aufgabe, außerdem ist es ein schönes Gefühl einem Mitmenschen, auch wenn er schon tot ist, etwas Gutes zu tun.«


Ein großgewachsener, hagerer Afrikaner betrat Wochen später mein Büro. In seiner Hand hielt der Mann einen zusammengefalteten Zettel, den er mir wortlos reichte. Während der Afrikaner sich setzte, las ich den Brief.

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Mein lieber Freund!

Ich möchte mich noch einmal für Ihre aufopferungsvolle Hilfe bedanken. Mein neuer Job gefällt mir sehr gut, und ich treffe eine Menge Menschen, die mein Schicksal mit mir teilen. Wir planen sogar die Gründung einer Selbsthilfegruppe!

Als Friedhofswärter verdiene ich zwar nicht sehr viel, doch ein Toter kann von dem Geld gut leben.

Der Überbringer dieser Nachricht hat das gleiche Problem wie ich.

Vielleicht können Sie ihm auch helfen.

Schöne Grüße

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.Ich lehnte mich zurück und nickte dem hageren Mann aufmunternd zu. »Dann erzählen Sie mal. Wie lange sind Sie schon tot ...?«