Die Invasion der Mimi Kri

© Uwe Hermann

Als der Radfahrer an der Weide vorbeifuhr, hörten alle Kühe gleichzeitig auf zu grasen und schauten ihm nach. Die Augen einer Kuh klappten nach hinten weg und zwei winzige, lilahäutige Wesen schauten heraus.
"Wie primitiv diese Erdenbewohner doch sind", sagte eines der Wesen und das andere erwiderte: "Schau dir nur dieses ineffiziente Fortbewegungsmittel an. Diese Kreaturen verdienen nichts anderes, als ihre Auslöschung."
"Es ist mir ein Rätsel, wie die Natur so etwas Unvollkommenes erschaffen konnte."
Die beiden Wesen traten zurück und die zu Luken umfunktionierten Augen schlossen sich wieder.
Im Inneren des Kopfes saßen ein Dutzend Wesen vor winzigen Konsolen und steuerten die Kuh.
"Wie weit sind die Arbeiten an dem Peilsender?" fragte der Befehlshaber der Mimi Kri.
"Unser Peilsender wird in ein paar Tagen Erdzeit seinen Betrieb aufnehmen können", antwortete ein Techniker.
"Gut", sagte der Befehlshaber. "Ich werde mich erst wieder besser fühlen, wenn wir unsere Invasionsflotte benachrichtigt haben und sie die Koordinaten dieser Welt besitzt."
Er ließ sich in einem Stuhl in der Mitte der Zentrale nieder. "So viele Aufklärungsschiffe sind von unserem Planeten gestartet, um eine neue, unverbrauchte Welt für unser Volk zu finden und nun sind wir es, die unser Volk den Weg in die neue Heimat weisen."

Die Mimi Kri waren vor etwas mehr als fünf Tagen auf diesem Planeten gelandet. Sie hatten die ersten einheimischen Lebensformen, denen sie begegnet waren, zu mobilen, organischen Kommandozentralen umfunktioniert und mit ihnen die Bewohner dieser Welt ausspioniert.
Die Mimi Kri waren auf der Suche nach Ersatz für ihre heruntergewirtschaftete Welt und dieser Planet war perfekt. Atmosphäre, Schwerkraft und Klima stimmten genau mit den Werten ihres Heimatplaneten überein. Nur die Bewohner dieser Welt störten, doch das war ein Problem, das sich schnell beseitigen ließ ...
Eines der Wesen, das vor einem organischen Äquivalent eines Überwachungsbildschirmes saß, drehte sich zu seinem Befehlshaber herum.
"Zwei Erdenbewohner nähern sich unserem Standort."
Jemand stieß einen ärgerlichen Schrei aus. "Müssen wir uns immer noch dieses allabendliche, rückständige Ritual gefallen lassen? Das ist erniedrigend. Wir sind ..."
Der Befehlshaber brachte ihn mit einer Handbewegung zum Verstummen. "Wir werden nichts unternehmen, was die Aufmerksamkeit dieser Wesen weckt", sagte er. "Solange unser Peilsender nicht arbeitet, kennt außer uns niemand die Koordinaten dieser Welt. Unser Wissen ist zu wertvoll, um es durch Unachtsamkeit zu gefährden." Er drehte sich zu einem der Techniker um. "Benachrichtigt die anderen mobilen Kommandozentralen. Wir gehen in den Tarnmodus. Synchronisation einleiten ..."

***

Der Mann und die Frau gingen schweigend den Feldweg entlang. Sie gingen langsamer als sonst, mit einem flauen Gefühl im Magen.
Gerda schielte zu ihrem Mann hinüber. "Wirklich Karl," brach sie das Schweigen, "ich denke, dass mit unserem Viehzeug etwas nicht stimmt."
Karl Zander seufzte ärgerlich. "Nun fang bloß nicht schon wieder an. Was soll denn deiner Meinung nach mit unseren Kühen nicht stimmen? Sehen sie etwa krank aus, oder geben sie nicht mehr genug Milch?"
"Nein, das nicht", sagte seine Frau kleinlaut. "Aber wenn du erlebt hättest, wie sie sich benehmen." Sie seufzte. "So benimmt sich nun mal kein Tier."
Karl sah seine Frau hämisch an. "Es gibt doch närrische Ehefrauen, warum sollte es dann nicht auch närrische Kühe geben?"
Gerda schwieg beleidigt.
Der Feldweg führte sie an ein Maisfeld vorbei und endete an einer großen Weide.
Als die beiden näher kamen, sahen sie, dass alle Kühe vor dem Gatter standen und auf sie warteten.
"Na und?" sagte Karl ärgerlich, als er den Blick seiner Frau sah. "Die wollen eben in den Stall. Wahrscheinlich ist ihnen kalt."
Er öffnete das Gatter. Die Kühe setzten sich in Bewegung und verließen in Zweierreihen die Weide. Hintereinander gingen sie den Feldweg entlang. Sie bewegten sich absolut synchron. Wenn sich der Schwanz einer Kuh bewegte, dann geschah das bei allen Tieren gleichzeitig.
Gerda sah, dass sie ihre Füße sogar zur selben Zeit aufsetzten.
"Wie Marionetten", flüsterte Gerda entsetzt.
Karl warf seiner Frau einen unsicheren Blick zu. "Gut, ich gebe zu, dass die Viecher sich heute etwas seltsam benehmen", flüsterte er zurück, dann stieß er wütend die Luft aus. "Verdammt, warum flüstere ich eigentlich? Das sind doch nur dumme Kühe. Die verstehen mich doch sowieso nicht."
Er schnaubte und ging den Tieren hinterher. Gerda zögerte einen Moment, dann folgte sie ihrem Mann.
Hinter dem Wäldchen ging die Sonne in einem Feuerweg aus Rottönen unter. Der Wind, der am Ende des Tages wieder aufgefrischt war, bewegte das Getreide auf dem Feld, an dem die Kühe im Gleichschritt vorbeimarschierten.
Gerda hatte das Gefühl, als würde sich der Heimweg heute endlos hinziehen. Als schließlich ihr Hof in Sicht kam, atmete sie erleichtert aus.
Vor dem Stall blieben alle Kühe gleichzeitig stehen, drehten ihre Köpfe und sahen Karl und Gerda erwartungsvoll an.
Gerda stieß einen erstickten Schrei aus und Karl spürte, wie sich das seltsame Gefühl in seiner Magengegend über den ganzen Körper ausbreitete.
Karl schluckte trocken. "Wenn du möchtest, kannst du ruhig schon ins Haus gehen", sagte er zu seiner Frau und Gerda nickte hastig.
Sie flog förmlich über den Hof und dann hörte Karl die Haustür mit einem lauten Knall zufliegen.
Die Kühe starrten Karl noch immer an.
Die ganze Zeit über hatten sie keinen Laut von sich gegeben, nun fingen sie plötzlich alle gleichzeitig an, so, als wollten sie ihn auffordern, sich endlich zu beeilen.
Karl zuckte zusammen. Hastig schob er sich an den Tieren vorbei und öffnete das Tor.
Als die Kühe an ihm vorbei in den Stall gingen, schienen sie ihm verächtliche Blicke zuzuwerfen.
***

Karl kam in die Küche. Seine Frau saß auf ihrem Platz neben dem Kachelofen und schauten ihn besorgt an.
Karl wischte sich den Schweiß von seiner Stirn. "Ich weiß auch nicht, was die Viecher heute haben, aber normal ist das wirklich nicht."
Er nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und setzte sich zu seiner Frau. "Könnte vielleicht am Futter liegen?" überlegte er und öffnete die Flasche. Er nahm einen großen Schluck.
"Und wenn das eine von diesen neu modernen englischen Seuchen ist, von denen man jetzt so viel im Fernsehen hört?" fragte Gerda. „BTE, oder wie die heißt.“
Karl sah seine Frau entsetzt an. "Das meinst du doch nicht ernst?"
Gerda zuckte mit den Schultern. "Die im Fernsehen haben gesagt, die Tiere würden sich seltsam benehmen, wenn sie erkrankt sind - und das sich unsere Kühe seltsam benehmen, kannst du doch wohl wirklich nicht abstreiten, oder?"
Karl saß einen Moment regungslos da, dann knallte er die Bierflasche auf den Tisch und eilte zum Telefon.

Noch in derselben Nacht fuhr ein Viehtransporter vor und holte die Kühe ab.
Drei Stunden später wurden sie im Schlachthaus zerlegt.
Wäre der Viehtransporter auch nur einen Tag später gekommen, wäre die Invasion der Mimi Kri sicher erfolgreicher verlaufen, doch so wurden ihre Eroberungspläne diesmal noch vereitelt ...