Othello 2020
© Uwe Hermann
Splitterfasernackt stand ich in einer langen Reihe von Wartenden und versuchte mit meiner Laufkarte, die man mir an der Anmeldung ausgehändigt hatte, meine Blöße zu bedecken, doch entweder war die Laufkarte zu klein oder meine Blöße groß, denn die Blicke, die mir einige Frauen und ein Mann zuwarfen, waren alles andere als zufällig. Selbst die Fotos der Filmschauspieler an den weiß getünchten Wänden schienen nur auf mein bestes Stück zu starren.
Seit fünfzehn Jahren war ich am Theater, und ich hatte durchaus schon die eine oder andere Nacktszene gespielt und auch wenn sich diese nur auf meinen bloßen Oberkörper beschränkt hatten, war ich doch keineswegs prüde. Hätte ich allerdings geahnt, wie sich das Filmcasting entwickeln würde, hätte ich unter keinen Umständen dem Drängen meines Agenten nachgegeben und wäre hier erschienen. Jo Klein, das war der Name meines Agenten, hatte mit Sicherheit gewusst, wie freizügig man hier mit dem Begriff Intimsphäre umging, doch anstatt mich vorzuwarnen, hatte er mir erklärt, dass es sich um ein ganz gewöhnliches Casting für einen neuen Film handeln würde. Als ich nun inmitten unzähliger, extrem leicht bekleideter Menschen stand, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich überhaupt nicht gefragt hatte, für welche Art Film ich denn nun vorsprechen sollte. Jo konnte nur hoffen, dass er mir in der nächsten Zeit nicht über den Weg lief, andernfalls hätte Hollywood einen Theateragenten weniger.
Ich spürte, wie mir jemand auf die Schulter tippte. »Träumen Sie?«
Als ich mich umschaute, sah ich einen älteren Herrn, nur bekleidet mit einem gewaltigen Schmierbauch und einer angelaufenen Nickelbrille. Ärgerlich schwenkte er seine Laufkarte und deutete auf die Schlange vor mir, die bereits einige Meter weiter gewandert war. Ich beeilte mich, tippelnd (mehr ließ die Größe der Laufkarte nicht zu) den Anschluss wiederzufinden.
Weit vor mir, zwischen den nackten Körpern hindurch, sah ich manchmal einige elektronische Geräte aufblitzen, doch es sollten weitere vierzig Minuten vergehen, bis ich mein Ziel endlich erreicht hatte. Dann stand ich vor einer zwei mal drei Meter großen Nische in der Wand. Mehrere Stufen führten zu einem erhöhten Podest in der Mitte, das von etlichen elektronischen Apparaten und einem unübersichtlichen Gewirr aus Kabeln und Leitungen umgeben war. Vor der Nische, auf einem quietschenden Bürostuhl, saß eine schlaksige Frau (komplett bekleidet!), mit bartstoppelkurzen, regenbogenfarbenen Haaren und blickte gelangweilt auf einen Bildschirm vor sich.
»Ihre Laufkarte«, sagte sie und streckte ihre Hand aus, ohne den Blick von ihrem Monitor zu nehmen.
Zögernd reichte ich ihr mein letztes noch verbliebenes Kleidungsstück, und ich sah zu, wie die Frau meine Laufkarte mit dem aufgedruckten Datenspeicher in einen Schlitz in ihrem Kontrollpult steckte.
»Stellen Sie sich aufs Podest, strecken Sie ihre Arme seitlich aus, schließen Sie die Augen, bewegen Sie sich nicht, und bitte etwas zügig, es warten noch mehr Leute.«
Ich beeilte mich die Stufen hinauf zu kommen. Rechts vor der Nische hing ein zusammengeschobener, gelber Plastikvorhang mit aufgedruckten, orangefarbenen Sonnenblumen von der Decke, und ich überlegte einen Moment, ob ich ihn hinter mir zuziehen sollte, doch da er so aussah, als wäre er das letzte Mal von Buster Keaton persönlich benutzt worden, unterließ ich es und stellte mich stattdessen so auf das Podest, dass ich mit dem Gesicht zur Wand stand.
»Bitte anders herum, mit dem Gesicht zu mir.«
Widerstrebend drehte ich mich um und schaute in die unzähligen Gesichter der Wartenden. Direkt vor mir, neben dem Mann mit der Nickelbrille, stand eine junge Frau mit einem Silberblick und grinste meinen Körper völlig ungeniert an.
»Augen zu«, hörte ich die Stimme der Frau am Kontrollpult.
Ich kniff die Augen fest zusammen und stellte mir vor, was ich alles mit meinem Agenten anstellen würde.
Das Brummen, das aus den Apparaturen um mich herum drang, wurde lauter und klang nun wie das Schnarchen einer ganzen Bärensippe. Ich spürte, wie ein Dutzend Laserstrahlen über meinen Körper tanzten und jeden Millimeter scannten. Leise glaubte ich das Kichern der Wartenden zu hören, die ihre Köpfe zusammensteckten und tuschelnd auf meinen Körper zeigten. Jo Klein war ein toter Mann!
Der peinlichste Moment in meinem Leben schien Ewigkeiten zu dauern.
Das Brummen verstummte.
»Der Nächste.«
Als ich die Augen öffnete, stand bereits der Mann mit der Nickelbrille neben mir auf dem Podest und schob mich zur Seite. Ich eilte die Stufen hinunter, griff nach meiner Laufkarte, die mir die Frau mit der ungewöhnlichen Frisur reichte, und verließ fluchtartig den Raum durch eine Seitentür. Ich vergaß sogar meine Blöße zu bedecken.
Im angrenzenden Umkleideraum stellte ich eine neue persönliche Bestzeit im Ankleiden auf. Danach fühlte ich mich bedeutend wohler.
Das Sichtfenster auf meiner Laufkarte hatte sich grün verfärbt und so folgte ich der grünen Markierung auf dem Fußboden zu meiner nächsten Station. Diesmal war die Warteschlange, und damit die Zeit, die ich mir die Beine in den Bauch stehen musste, sogar noch länger.
In einer schalldichten Kabine musste ich ein Dutzend Sätze von einem Bildschirm ablesen und in ein Mikrofon sprechen. Als der Computer meine Stimmcharakteristik auf dem Datenstreifen meiner Laufkarte gespeichert hatte, folgte ich der nun roten Markierung zu meiner letzten Station, wo ich noch einmal meinen Oberkörper entblößen musste und mein Kopf in höchster Auflösung gescannt wurde.
Als ich schließlich wieder auf dem Rückweg zur Anmeldung war, schmerzten meine Füße, als wäre eine ganze Herde Elefanten darüber gelaufen.
Die fünf Frauen hinter dem chromglänzenden Tresen mit dem Schriftzug Schock Produktion taten nichts anderes, als die Laufkarten einzusammeln und in ein Lesegerät zu schieben, von dem die Daten in den Zentralrechner überspielt wurden. Ich gab meine Karte ab und beeilte mich, aus dieser Irrenanstalt zu verschwinden. Während ich noch darüber nachdachte, was Schock Produktion doch für ein seltsamer Name für ein Filmstudio war, rief mich eine der Frauen zurück.
»Mister Jones, einen Moment bitte.«
Ich drehte mich um.
»Wir haben in der Warteschleife einen Anruf für Sie. Benutzen Sie bitte Kabine fünf.«
Sie deutete auf eine lange Reihe von Türen, am anderen Ende der Anmeldung.
Die Telefonkabine erwies sich als so winzig, dass die Toilette in meiner Drei-Zimmer-Wohnung dagegen wie ein Opernsaal wirkte. Ich zog die Tür hinter mir zu und zwängte mich in den Sitz, der überraschend bequem war. Eine Datenglocke schob sich von der Decke über meinen Körper und vertrieb das Licht in der Kabine. Es wurde so finster wie meine Laune, dann saß ich mit meinem Stuhl plötzlich in einer endlosen Wüstenlandschaft. Über mir am Himmel schob der Wind lautlos weiße Schäfchenwolken vor sich her.
Ich kannte plötzlich meinen Anrufer. Jo Klein liebte diese Hintergrundsequenz, was vielleicht daran liegen mochte, dass er mehr Feinde als Freunde hatte und ihm diese unendliche Wüstenlandschaft Sicherheit vorgaukelte.
Direkt vor mir erschien ein mahagonifarbener Schreibtisch, hinter dem mein Agent hervorschaute. Jo Klein machte seinem Namen alle Ehre. Er war so klein, dass er sich extra einen erhöhten Schreibtisch mit passendem Bürostuhl hatte anfertigen lassen, um nicht ständig zu seinen Gesprächspartnern aufschauen zu müssen. Wie er allerdings auf diesen riesigen Stuhl kam, war mir ein Rätsel.
»Na, wie ist es gelaufen?«, fragte er, und sein Goldzahn, den er sich angeblich hatte einsetzen lassen, um beeindruckender auszusehen, blitzte mich an.
Ich schnappte nach Luft.
»Was glaubst du denn, wie es gelaufen ist? Ich musste stundenlang schlangestehen, um mich dann nackt vor allen Leuten scannen zu lassen. Ich durfte noch nicht einmal meine Unterhose anbehalten. Und jetzt erzähl mir nur nicht, dass du das nicht gewusst hast.«
»Natürlich habe ich das gewusst. Hast du etwa erwartet, komplett bekleidet gescannt zu werden? Was hast du denn geglaubt, um welche Rolle es geht? King Kong?«
Sein Goldzahn lächelte mich an.
»Du solltest wirklich nicht so verklemmt sein. Früher sind die Schauspieler mit den Produzenten ins Bett gestiegen, um an eine gute Rolle zu kommen, du musstest dich nur ausziehen.«
»Ich bin nicht verklemmt, aber ich stand Ewigkeiten zwischen gaffenden und grinsenden Exhibitionisten, die nur darauf aus waren, mich unsittlich zu berühren. Die Moralvorstellungen unserer heutigen Gesellschaft gehen den Bach runter. Wenn es nach mir ginge, müsste man Nacktheit gesetzlich verbieten.«
Er sah mich seltsam an.
»Nun, zumindest verstehe ich jetzt, warum du bisher jede Rolle in einem modernen Theaterstück abgelehnt hast. Wie auch immer, wir werden uns ein anderes Mal darüber unterhalten müssen, Steve Playhill wird sich jeden Moment in dieses Telefongespräch einschalten.«
»Wer zur Hölle ist Playhill?«
»Wer zur Hölle ist Playhill?«, äffte mich Jo nach. »Steve Playhill ist der Besitzer dieses Filmstudios, der Mann, der dich engagieren will.«
»Und warum interessiert er sich ausgerechnet für mich?«
Jo lächelte. Ich wurde immer misstrauisch, wenn Jo lächelte.
»Vielleicht hat er von deinem Talent gehört?«
»Unsinn, wir wissen doch beide, dass beim Film das Talent nur noch aus dem Computer kommt. Heutzutage kann doch jeder Neandertaler eine Oscar-reife Vorstellung abgeben. Also, was will er wirklich von mir? Und erzähl mir nicht, dass er sich mit jedem, der hier vorspricht, persönlich unterhält.«
Mein Agent seufzte.
»Also schön. Ich habe mich finanziell an seinem nächsten Film beteiligt und dich für eine Rolle vorgeschlagen.«
Der raffinierte Hund, dachte ich, dadurch, dass er mir eine Rolle in diesem Film verschaffte, würde er einen Teil seines Geldes durch die Provision, die ich ihm zahlen musste, zurückerhalten. Außerdem würde er an allen Nebeneinnahmen prozentual beteiligt sein, und ich ging jede Wette ein, dass das auch auf das Einspielergebnis zutraf. Jo verstand sich sehr gut darin, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Vielleicht war das aber auch eine der Voraussetzungen, um als Agent erfolgreich zu sein. Letztendlich war mir das ziemlich egal. Das Loch in meiner Haushaltskasse war seit meinem letzten Theaterengagement vor fast einem halben Jahr stetig größer geworden und konnte bereits mit dem Ozonloch konkurrieren. Wenn mein Agent mir half es zu stopfen, war mir das nur recht.
Neben Jo tauchte aus dem Nichts ein weiterer Schreibtisch auf, der so überladen war, dass der Begriff Chaos eine neue Bedeutung bekam. Dahinter saß ein schlanker, älterer Mann, mit langen blonden Haaren, den ich vielleicht für einen Dienstboten gehalten hätte, wären da nicht diese Augen gewesen. In ihnen war jenes eigenartige Funkeln, das nur diejenigen Menschen besaßen, die statt in Einhundert-Dollar- in Einhunderttausend-Dollar-Dimensionen dachten.
Jo setzte sein bestes Verkaufslächeln auf.
»Hallo Mister Playhill, schön, dass Sie es einrichten konnten, sich in unser Gespräch einzuklinken. Das ist Othello Jones, von dem ich Ihnen berichtet habe.«
Playhill erhob sich hinter seinem Schreibtisch und kam auf mich zu. Ich blieb sitzen, da ich trotz der Illusion dieser unendlichen Wüstenlandschaft noch immer in der engen Telefonkabine saß und mir nicht den Kopf stoßen wollte.
Der Mann, der zu den reichsten Männern dieses Landes gehörte, trug ein rotkariertes Hemd und eine Jeans, die so oft geflickt war, dass man ihre ursprüngliche Farbe nur noch erahnen konnte. Als er direkt vor mir stehen blieb, fuhr er sich gedankenverloren mit seinen Fingern durch seine langen Haare.
»So, Sie kommen also vom Theater.«
Ich nickte.
»Das Theater ist ein totes Medium, das unserer Zeit um Jahre hinterherhinkt. Ewigkeiten hat man sich strikt geweigert, irgendwelche Veränderungen vorzunehmen. Wie lange hat man dort gebraucht, bis endlich die virtuellen Bühnen eingeführt wurden? Fünf Jahre? Zehn Jahre? Sehen Sie zu, dass Sie den Absprung schaffen, sonst können Sie sich bald mit Shakespeare begraben lassen.«
Das war also der Mann, der mir eine Rolle in seinem neuen Film geben wollte. Bei dessen Einstellung konnte ich froh sein, wenn ich seinen Schreibtisch aufräumen durfte.
Playhill ging um mich herum und betrachtete meinen Körper von allen Seiten. Er musste eine Datenglocke von der Größe seines Büros besitzen, andernfalls wäre so etwas nicht möglich gewesen.
»Sie haben eine eindrucksvolle Nase«, sagte er schließlich, und ich fragte mich, ob die Frau, die mich beim Scannen angestarrt hatte, auch nur an meiner Nase interessiert gewesen war.
»Können Sie tanzen?«
Die Frage überraschte mich.
»Ziemlich gut. Ich bin noch einer der wenigen, die eine klassische Ausbildung genossen haben.«
Er nickte zufrieden. »Gut, beim Film kommt es nicht darauf an, dass man seine Rolle auf der Leinwand perfekt beherrscht, sondern die im Leben. Von einem Schauspieler erwarten die Zuschauer, dass er tanzen kann. Es wäre nicht gut, wenn Sie auf einem Ball oder einer Oscar-Verleihung nicht tanzen könnten. Natürlich müssten Sie auch Ihren Vornamen ändern. Kein Filmschauspieler heißt Othello Jones. Beim Theater könnten Sie mit so einem Namen vielleicht Karriere machen, aber keinesfalls beim Film.«
Bevor ich etwas erwidern konnte, wurde Jo hinter seinem Schreibtisch munter.
»Darüber habe ich mich bereits ausgiebig mit Othello unterhalten, eine Namensänderung ist kein Problem. Er brennt darauf, mit Ihnen arbeiten zu können.«
Komisch, ich konnte mich an dieses Gespräch gar nicht mehr erinnern.
Playhill nickte.
»Schön, doch seien Sie sich darüber im Klaren, dass es beim Film anders abläuft als beim Theater. Wir stehen längst nicht mehr auf einer Bühne und leiern einen vorher auswendig gelernten Text herunter. Die meisten unserer Charaktere, die Sie auf der Leinwand sehen, haben nie existiert. Ein Computer hat sie erschaffen, und er steuert ihre Bewegungen und ihre Dialoge. Das ist ziemlich praktisch, weil wir so eine Menge Zeit und Geld sparen; außerdem sind computergenerierte Schauspieler längst nicht so zickig wie die echten. Von einigen Charakteren gibt es reale Vorbilder, doch die meisten hat das Renderprogramm entworfen. Anfangs haben wir sogar ganz auf Filme mit noch lebenden Menschen verzichtet und stattdessen Bogart, Dean und die Monroe wieder aufleben lassen, doch die neuen Filme mit ihnen liefen nicht sehr gut. Die Zuschauer wollen reale Schauspieler, zu denen sie aufschauen und die sie zu Idolen erheben können. Ein computergenerierter Bogart kann auf Dauer nicht genug Leute ins Kino locken. Vielleicht wird sich das ändern, wenn es uns erst gelungen ist, ihn zu klonen.«
Im ersten Moment glaubte ich, Playhill habe sich einen Scherz erlaubt, doch er sah nicht so aus, als ob er mich zum Lachen bringen wollte.
»Sie wollen Bogart klonen?«
»Sicher, daran arbeiten alle großen Filmgesellschaften. Was liegt denn näher, als nach Schafen und Dinosauriern die alten Hollywoodstars zu klonen? Die Rechte sind längst frei, und wem es als erstes gelingt, der kann damit richtig viel Geld verdienen. Unser Errol-Flynn-Klon macht bereits gute Fortschritte. Leider ist es uns bisher noch nicht gelungen, die Farbpigmentierung aus seiner Haut zu entfernen, schließlich können wir keinen Star einer Schwarzweißepoche in Farbe herumlaufen lassen, doch ich bin sicher, dass wir auch dieses Problem in absehbarer Zeit lösen werden.«
Ich hatte ja gewusst, dass die Leute vom Film alle einen Sprung in der Schüssel hatten, doch dass es schon so schlimm war, hatte ich nicht geahnt.
»Natürlich werden die Filme trotzdem weiterhin aus dem Computer kommen, es wäre viel zu aufwändig, mit einem Kamerateam zu arbeiten. Außerdem hat das den Vorteil, dass wir keinen Film mehr synchronisieren müssen. Wir laden einfach eine neue Sprachdatei, rendern die Sprachszenen neu und haben den Film dann in Russisch, Türkisch, Chinesisch oder welcher Sprache auch immer - Lippen-synchron. Die Klone brauchten wir nur bei öffentlichen Auftritten, Preisverleihungen oder Filmpremieren. Dies wäre übrigens auch Ihre Aufgabe, wenn ich mich entschließen würde, mit Ihnen einen Film zu machen.«
Playhill ging zu seinem Schreibtisch zurück und setzte sich wieder.
»Doch zuvor wollen wir erst einmal sehen, ob Sie auch die richtige Ausstrahlung haben. Ausstrahlung ist beim Film das Wichtigste. Der Computer kann zwar ein gewisses Maß an Charisma einfügen, doch wenn Sie auf der Leinwand nicht wirken, sollten Sie lieber beim Theater bleiben.«
Die Wüstenlandschaft flackerte einen Moment, dann baute sich eine neue Hintergrundsequenz auf.
Wir saßen jetzt in einem riesigen, menschenleeren Kino. Sitze, Wände, Decke und selbst der Fußboden waren mit weinrotem Samt überzogen. Rechts und links an den Wänden hingen im Meterabstand von hinten beleuchtete Kinoplakate etlicher Filmklassiker.
»Ich habe heute morgen per E-Mail von einem meiner besten Autoren die stimmenerstellte Textdatei eines neuen Drehbuchs erhalten und die erste Szene mit den Daten Ihres Scans rendern lassen. Zwar ist das noch nicht die endgültige Drehbuchfassung und die Musik wurde auch noch nicht generiert, aber es vermittelt uns schon einen ersten Eindruck, wie Sie auf der Leinwand wirken.«
Mit einem Handzeichen dämpfte Playhill das Licht und startete die Vorführung.
KEN SCHAFFT SIE ALLE
Die Wolken waren wie ein Meer aus Zuckerwatte; vom Wind ständig neu geformt, plusterten sie sich in einem Moment auf, bis sie den ganzen Himmel einnahmen, um im nächsten Augenblick zu zerfallen, als ob jemand sie mit einem Messer in unzählige Stücke zerschnitten hätte. Inmitten dieses ständigen Schöpfungsprozesses tauchte der kleine Punkt einer zweimotorigen Passagiermaschine auf, die vom Wind durchgerüttelt langsam näher kam. Die Kameraeinstellung folgte ihrem Flug einige Sekunden, um dann mit einem harten Schnitt ins Innere des Cockpits zu wechseln. Das Dröhnen der Motoren, das aus den Lautsprechern drang, war so laut, dass ich glaubte, der Sitz unter mir würde vibrieren.
Auf der Leinwand kämpfte der Pilot der Maschine verbissen gegen die Naturgewalten, während hinter ihm die Verbindungstür in den Passagierraum unter schweren Schlägen erzitterte. Die Kontrolllampen in der Instrumentenanzeige flackerten wie die Lichter in einem Geldspielautomaten. Davor saß der Kopilot und umklammerte das Mikrofon der Funkanlage, als wäre es ein Rettungsring, der ihn vor dem Ertrinken bewahren würde.
»Mayday, mayday, hier ist Flug Echo 2398. Wir befinden uns in der Gewalt von Terroristen ...«
Ein weiterer Schlag zertrümmerte die Verbindungstür. Begleitet von dem Schrei der Kopiloten wechselte das Bild in den Passagierraum, wo eine Hand voll weiblicher Terroristen in schwarzen, hautengen Einteilern, die für meine Begriffe viel zu hauteng waren, die Passagiere bedrohten.
»Sie befinden sich in der Hand der Emanzipierten Befreiungsfront. Wir werden jeden erschießen, der unseren Anweisungen nicht Folge leistet«, sagte eine der Frauen mit einer Stimme, als würde sie jeden Morgen mit Essig gurgeln.
Ich selbst sah mich in der hintersten Reihe sitzen. Die Kameraeinstellung wechselte und zeigte mich in der Großaufnahme. Mit strahlend blauen Augen, die seit meiner Geburt eigentlich grün waren, beobachtete ich die Entführer.
Obwohl ich mich jeden Morgen vor einem Spiegel ankleidete, war mir bislang noch nie aufgefallen, dass ich dermaßen breite Schultern hatte.
Auf der Leinwand öffnete ich den Reißverschluss meiner Jacke und holte eine riesige Pistole heraus. Dann stand ich auf und legte unter den Anfeuerungsstürmen der Passagiere die Frauen der Reihe nach um.
Als die Filmszene endete und das Licht wieder heller wurde, war ich im ersten Moment versucht, die Verbindung zu unterbrechen und die Telefonkabine zu verlassen. Dieses Drehbuch war nicht ganz das, was ich mir unter einer anspruchsvollen Rolle vorgestellt hatte, doch als Playhill mir die Höhe meiner Gage nannte, warf ich alle meine Bedenken über Bord.
Kurz darauf unterschrieb ich einen Vertrag über drei Filme, einschließlich etlicher Fernsehinterviews, und übertrug ihnen die Rechte an der Vermarktung meiner Person in Videospielen und der Werbung. Das Einzige, was ich dafür zu tun hatte, war, mich in der Öffentlichkeit zu zeigen und auf den Premieren präsent zu sein - und die monatlichen Verrechnungschecks anzunehmen. Ich war im Paradies!
In unserer virtuellen Gesellschaft, in der man auf Knopfdruck Welten erschaffen konnte, schien selbst die Zeit nur noch aus Strichen auf einem Zifferblatt zu bestehen, denn es dauerte keine vier Wochen, dann saß ich erneut in diesem Kino, allerdings dieses Mal nicht in der virtuellen Kopie, sondern im Original, das auf dem Gelände der Schock Studios stand. Ich hatte in den letzten Stunden mehr Hände geschüttelt als in meinem ganzen Leben zuvor. Obwohl noch niemand auch nur eine Szene aus dem Film gesehen hatte, war das Kino ausverkauft, und unzählige Menschen würden sich noch über Telefon und Datenglocke dazuschalten. Playhill hatte ein großes Geheimnis um den Film gemacht, selbst ich hatte bislang nicht mehr gesehen als die kurzen Ausschnitte der Testvorführung, und so war die Neugierde entsprechend groß.
Ein Gong kündigte den Beginn der Vorstellung an, und die Zuschauer nahmen ihre Plätze ein.
Nach einem bombastischen Titel schob sich die Passagiermaschine aus den Wolken. Im Cockpit kämpften Pilot und Kopilot gegen Wetter und Terroristen, und im Passagierraum bedrohten eine Hand voll unbekleideter Frauen die Reisenden.
Ich musste zweimal hinschauen, bis ich glauben konnte, was ich da sah. Im ersten Drehbuchentwurf vor vier Wochen hatten die Frauen hautenge Einteiler getragen, nun waren sie vollkommen nackt. Die Terroristinnen trugen außer ihren Maschinenpistolen nichts an ihren Körpern, was den Passagieren aber nicht weiter aufzufallen schien. Die Anführerin hielt ihre Ansprache im Evakostüm, und meine Hoffnung, einen anspruchsvollen Film gedreht zu haben, zerplatzte wie eine Seifenblase.
Dann tauchte ich auf der Leinwand auf. Ich schüttelte den Kopf und sagte mir, dass das alles nur ein Albtraum sein konnte. Mein Ebenbild öffnete den Reißverschluss, allerdings war es diesmal nicht der seiner Jacke, und was er dort herausholte, war auch nicht seine Pistole. Ich wünschte mir, der Boden solle sich unter mir öffnen und mich verschlingen. Ich sah zu, wie ich von meinem Sitz aufsprang und mich auf die Terroristinnen stürzte.
Während mein Ebenbild auf der Leinwand die Frauen reihenweise flach legte, flüchtete ich im Schutz der Dunkelheit aus dem Kino.
Seitdem wohne ich nur noch unter ständig wechselnden Namen in den unzähligen Hotels dieser Stadt und führe einen großen Vorrat an Brillen, Perücken und falschen Bärten mit mir. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Jo von Anfang an gewusst hat, welche Sorte Film ich drehen sollte, denn er war seit der Uraufführung spurlos verschwunden - doch ich würde ihn finden, es war nur eine Frage der Zeit ...
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