Meine Erzählung für Wagenfeld
Hier findet ihr meine Story zur Neugestaltung des Marktplatzes.
Die Mediengruppe der Kreiszeitung hat mich eingeladen, eine Erzählung zur Neugestaltung des Wagenfelder Marktplatzes zu verfassen.
Die Erzählung meiner Vision für unseren Marktplatz der Zukunft erschein am 02.01.2025. Für alle Wagenfelder und alle, die Freude an kurzen Geschichten haben, teile ich meine Erzählung nun auch hier.
Die Fünfundzwanzig-Jahr-Feier
Die Nacht über hatte die Wagenfelder Wetterkontrolle es regnen lassen. Jetzt, pünktlich zum morgendlichen Berufsverkehr, schalteten sie die Wolken ab. Sie hatten für die Fünfundzwanzig-Jahr-Feier des Marktplatzes strahlenden Sonnenschein angekündigt. Es würde ein schöner Tag werden, trotzdem hatte ich schlechte Laune. Sehr schlechte Laune! Nicht weil jemand vor einem Vierteljahrhundert die Idee zur Neugestaltung des Marktplatzes gehabt hatte, sondern weil seinetwegen mein Online-Unterricht ausfiel, ich mein Zimmer verlassen und die Veranstaltung besuchen musste.
Die 4c der Neuen Auburgschule war die einzige Schulklasse in ganz Deutschland, in der ein KI-Roboter Unterricht bekam. Frau Möser, unsere Klassenlehrerin, hatte uns erklärt, dass K.I.M. eine neue Art von Roboter sei, der zusammen mit uns lernen würde, um noch klüger zu werden. Für mich war K.I.M. einfach nur dämlich. Ständig stellte er dumme Fragen. Außerdem war er der Grund, warum wir jetzt zur Feier mussten. Die Bürgermeisterin wollte ihm die Hand schütteln. Frau Möser meinte, das sei eine Ehre. Wir anderen fanden das alle nur blöd. Außer K.I.M. natürlich.
Unser Hauscomputer hatte mich schon dreimal gerufen und mir mitgeteilt, dass es Zeit zum Aufbrechen sei, trotzdem saß ich noch immer auf meinem Bett, ohne mich zu rühren. Vielleicht konnte ich ihm weismachen, dass ich krank war? Dann fiel mir ein, dass der blöde Computer beim letzten Mal einen Notarzt gerufen hatte, und ich stundenlang in der Notaufnahme des Dammer Krankenhauses hatte sitzen müssen. Nein! Ich schüttelte den Kopf. Krankmachen ging gar nicht.
Die Tür zu meinem Zimmer flog auf und meine Mutter kam herein. »Sitzt du auf deinen Ohren? Du musst los! Oder glaubst du, wir zahlen die Schulgebühr nur zum Spaß?«
Ich sprang vom Bett auf. Wenn meine Mutter so in Fahrt war, durfte man ihr nicht widersprechen. »Ich gehe ja schon«, sagte ich kleinlaut und ergab mich meinem Schicksal. Sie sah mich entsetzt an. »Und wie siehst du überhaupt aus?«
»Wieso?« Ich strich mit der Hand über mein schwarzes T-Shirt, mit dem Hauptcharakter meines Lieblingsmangas.
»So gehst du nicht los!« Sie zog mich zu sich heran und wählte mit der eingenähten Taste im Etikett ein anderes Motiv aus. Sofort änderte der intelligente Stoff sein Aussehen. Mein T-Shirt war jetzt weiß und trug den Aufdruck „Schule macht Spaß“.
Über dem Marktplatz schwebten große, animierte Werbetafeln. Ich hatte noch immer schlechte Laune und schaute stur zu Boden, damit ich nicht aus Versehen einen Blick auf sie warf. Das war meine Art des Protests. Trotzdem sah ich in den Regenpfützen ihre Spiegelungen. Sie zeigten den Marktplatz, wie er vor 25 Jahren ausgesehen hatte. Ganz schön trostlos, dachte ich.
Der Rest meiner Klasse war natürlich längst da. Alle warteten vor der Bäckerei Schmidt, wo wir uns treffen wollten. Ein paar Mädchen kicherten, als sie mich sahen. Bärbel, die Streberin unserer Klasse, deutete auf mein T-Shirt. »Tolles Motiv«, sagte sie. Ich war mir nicht sicher, ob es ironisch gemeint war, und schwieg sicherheitshalber.
Mein Vater hatte mir erzählt, dass das Gebäude der Bäckerei früher einstöckig gewesen sei und keine Dachterrasse gehabt hätte. Heute musste man sich seinen Platz reservieren lassen, wenn man dort frühstücken wollte. Frau Möser trat aus dem Eingang und winkte uns zu sich heran. Sie war nicht alleine. Neben ihr ging ein grauhaariger Mann. Er war bestimmt an die einhundert Jahre alt, sicher aber über fünfzig. Auf dem Kopf hatte er kaum noch Haare, dafür umso mehr Falten im Gesicht.
»Das ist Herr Kranich«, sagte sie, als wir sie erreicht hatten. »Er hat den Marktplatz vor fünfundzwanzig Jahren mitentworfen und sich bereit erklärt, uns etwas darüber zu erzählen.«
Neben mir stöhnte jemand. Ich war mir sicher, dass es das Großmaul Bernd war, ärgerlicherweise warf Frau Möser mir den vorwurfsvollen Blick zu. »Hallo Kinder«, sagte Herr Kranich. »Hallo Herr Kranich«, antwortete K.I.M. lautstark. Ich schwieg demonstrativ, was aber in dem Lärm der anderen völlig unterging.
»Kommt, Kinder!« Wir folgten unserer Onlinelehrerin und Herrn Kranich und betraten den festlich geschmückten Marktplatz. Links von uns stand eine Bühne, auf der eine Roboterkapelle spielte. Ich kannte das Lied nicht, aber sicher war es so alt wie der Marktplatz selbst. An der Statue von Bürgermeister Kreye, der den Umbau des Marktplatzes in Auftrag gegeben hatte, blieben wir stehen. Kranich erzählte, wie Wagenfeld zur Großstadt geworden war und welchen Anteil der Bürgermeister und seine Nachfolgerin daran gehabt hatten.
Ich hörte nicht zu. Viel lieber wäre ich jetzt zu Hause und würde mir eine neue Folge meiner Lieblingsserie per KI generieren lassen. Nachdem Kranich seinen Vortrag beendet hatte, zeigte er zum Einkaufskomplex hinüber, der sich wie ein fensterloser Klotz hinter dem Marktplatz erhob. »Früher standen dort zwei Supermärkte, und die Menschen gingen noch selbst einkaufen.«
Für einen Moment herrschte Stille. »Hatten die denn keine Roboter, die das für sie erledigten?«, fragte meine Zunge, ohne dass ich es verhindern konnte. Kranich schüttelte den Kopf. »Damals war die Entwicklung noch nicht so weit. Die Menschen mussten die meisten Dinge noch selbst erledigen.«
»Aber ... aber woher wussten die denn, was sie kaufen mussten, wenn niemand für sie die Vorräte überwachte?«
»Das haben sie selbst entschieden.«
Bärbel stieß einen überraschten Laut aus. »Und bezahlt haben die auch selbst?«
Kranich nickte. »Und die Preise addiert.«
K.I.M. erzählte irgendetwas über die Einführung des Euros. Sicher las er wieder aus Wikipedia vor. Kranich drehte sich herum. »Früher fand hier auf dem Gelände der Großmarkt statt. Das war damals für uns ein Highlight. Aber meistens hat es geregnet und dann versank fast alles im Schlamm.« Er lachte. »Trotzdem hatten wir viel Spaß. Oh, wir hatten damals schon Telefone. So lange ist das nun auch nicht her, aber dass das wirkliche Leben sich nicht auf dem Display eines Handys abspielt. Wenn ihr die Wirklichkeit erleben wollt, müsst ihr hinausgehen.«
»Und wenn es regnet?«, fragte K.I.M.
»Dann spürt ihr die Tropfen auf eurer Haut.« Kranich lächelte verlegen. »Zumindest die unter euch, die etwas spüren können.«
Plötzlich näherte sich uns zielstrebig eine Gruppe Menschen. Über ihnen schwebten mehrere Aufnahmedrohnen mit dem Aufdruck Presse. »Die Bürgermeisterin!«, sagte Frau Möser. Bürgermeisterin Cornelia Neureuter redete minutenlang, während mir die Füße einschliefen. Schließlich schüttelte die Bürgermeisterin K.I.M. die Hand und es wurden viele Fotos gemacht.
»Können wir jetzt endlich nach Hause?«, fragte meine Zunge. Alle sahen mich an und ich wurde rot. Auch Frau Möser wurde rot. Die Bürgermeisterin lachte. »Klar, aber ich dachte, ihr habt Lust auf ein Eis. Ich habe für euch einen Platz in der Eisdiele reserviert. Kostenloses Eis so viel ihr wollt!«
Diesmal schwieg ich nicht, als alle jubelten. Vielleicht war es doch nicht so doof, einen KI-Roboter in der Klasse zu haben.
ENDE