Uwe Hermann – Autor

Zwischen Gagarins Sternenstaub und niedersächsischem Acker

Uwe Hermann

Geboren im Juri-Gagarin-Jahr 1961, kam ich genau drei Monate zu spät, um den ersten bemannten Orbit live mitzuerleben. Doch der Funke war übergesprungen: Technik faszinierte mich von Anfang an – ganz gleich, ob sie real in Triebwerken zischte oder nur in den Köpfen von Visionären existierte. Während andere Kinder im niedersächsischen Sulingen im Matsch spielten, war ich bereits mit der Enterprise, der Orion und Perry Rhodan in Galaxien unterwegs, die weit hinter dem Horizont der lokalen Weizenfelder lagen.

Vom Assembler-Code zur Schreibmaschine

Wer viel liest, fängt irgendwann an, die eigenen Welten zu Papier zu bringen. Mein Weg führte mich dabei nicht nur durch das Alphabet, sondern auch durch binäre Codes. Bevor ich mich ganz dem geschriebenen Wort widmete, suchte ich das Abenteuer in der frühen Spielebranche. In einer Zeit, als das Internet noch eine ferne Prophezeiung war, tüftelte ich am Textadventure Sindbad für den C64 und später am 100-Level-Puzzle Brainstorm für den Amiga. Komplett in Assembler geschrieben – eine Sprache so präzise und unnachgiebig wie eine gute Kurzgeschichte.

Der Startschuss im Perryversum

Meine Reise als Autor begann dort, wo auch meine Leselust geweckt wurde: im Weltraum von Perry Rhodan. Meine erste Veröffentlichung, Cyrarurr, der Söldner, war eine augenzwinkernde Parodie auf den damaligen Militarismus der Serie. Dass diese Geschichte tatsächlich auf der Leserkontaktseite des Perry-Rhodan-Romans 898 (3. Auflage) abgedruckt wurde, war der entscheidende Funke.

Dieses erste gedruckte Wort weckte in mir eine Lust am Geschichtenerzählen, die bis heute nicht abgerissen ist. Wenn ich heute auf mehr als 35 Jahre des Schreibens und über 130 Veröffentlichungen in Anthologien und Magazinen zurückblicke, denke ich immer noch gern an diesen ersten Söldner zurück, der den Stein ins Rollen brachte.

Wo Moin auf Lichtgeschwindigkeit trifft

Im Norden Deutschlands, wo das Plattdeutsche nicht nur Sprache, sondern Lebensgefühl ist, kennt ihn fast jeder: den Apparatspott. Für alle, die aus anderen Himmelsrichtungen kommen: So heißt das wohl eigenwilligste Raumschiff der Filmgeschichte im weltweit ersten plattdeutschen Science-Fiction-Epos.

Von einer langen Nacht zum Kult-Phänomen

Apparatspott Film

Alles begann im Oktober 1994 mit einer klassischen Schnapsidee: Nach einer durchzechten Nacht beschlossen mein Bruder Martin Hermann und Michael Schumacher, einen Film zu drehen. Aber nicht irgendeinen – es sollte Science-Fiction sein, auf Plattdeutsch. Was als reines Freizeitprojekt mit Freunden und Kulissenbau nach Feierabend startete, entwickelte eine Eigendynamik, mit der niemand gerechnet hatte. Fünf Jahre später, im Dezember 1999, feierte der erste Teil im Jugendzentrum Sulingen Premiere. Der Erfolg war überwältigend: Restlos ausverkaufte Vorstellungen, nationale Medienberichte und der Kulturpreis der Stadt Sulingen waren der Lohn für jahrelange Tüftelei.

Bierdiebe aus dem All

Nach dem Riesenerfolg war eine Fortsetzung Pflicht. In Apparatspott II – Gerangel in Ruum & Tied (2001) wurde es ernst: Außerirdische stahlen irdische Brauereien und bedrohten damit das Sulinger Schützenfest – für einen Norddeutschen eine Katastrophe.

Obwohl ich nicht fest zum Kern der Filmemoker gehörte, war ich als Bruder des Regisseurs von Anfang an nah am Geschehen. Für Teil 2 steuerte ich die Animationen der Sternentore bei und schrieb die heute legendäre Szene am Getränkesynthesizer. Als selbst das Kinomagazin Cinema den Film auf die Titelseite hob, war klar: Der Apparatspott war längst kein lokales Kuriosum mehr.

Das große Finale: „Schreib so groß du willst!“

Für den krönenden Abschluss der Trilogie trat mein Bruder schließlich mit einer besonderen Bitte an mich heran: Ich sollte die Geschichte für den dritten Teil schreiben. Seine einzige Vorgabe: Es muss größer und plattdeutscher werden als alles zuvor. Halt dich nicht zurück und mach dir keine Gedanken über die Verfilmbarkeit. Ein Satz, den er während der kräftezehrenden Dreharbeiten sicher mehr als einmal bereut hat. Das Ergebnis war eine abgedrehte Zeitreisegeschichte mit flügeltürigen VW-Käfern, einem Schimpansen und Buern in schwatt, die es bis auf die Berlinale schaffte. Unter anderem mit Sabine Bulthaup, Dietmar Wischmeyer und Siemen Rühaak wurde der Film zum vollen Erfolg. Die Apparatspottfilme beweisen: Auch mit Moin im Mund kann man die Sterne erreichen.

Meine Küche steht im Museum

Das Internet der Dinge

Ein besonderer Ritterschlag für meine Leidenschaft findet sich heute im Zukunftsmuseum in Nürnberg: Dort steht meine preisgekrönte Erzählung Das Internet der Dinge als Hörstation. Direkt neben George Orwell. Ein schöner Platz für einen Jungen aus Sulingen, der eigentlich nur wissen wollte, wie die Technik von morgen aussehen könnte und wie sie uns verändern würde.

Kurze Geschichten – Große Welten

Heute bewege ich mich als Grenzgänger zwischen Zukunftsvisionen und skurrilen Alltagsideen. Ich liebe die Kurzgeschichte, weil sie für mich die pure Freiheit bedeutet. Ob Science-Fiction, Fantasy, Märchen oder Thriller – mein Ziel ist es, den Leser mit einer Pointe zu erwischen, mit der er niemals gerechnet hätte.