Beste Erzählung: Uwe Hermann, »Die Nachrichtenmacher«

Laudatio:

Was würden Sie tun, wenn in der Zeitung stünde, dass sie morgen bei einem Verkehrsunfall sterben werden? Die Familie des Ich-Erzählers aus Uwe Hermanns Geschichte »Die Nachrichtenmacher« nimmt das sehr ernst, verabschiedet sich von ihm und bereitet die Beerdigung vor, denn die Zeitung des Future-News-Verlages ist bekannt dafür, dass ihre Vorhersagen immer eintreffen.

Doch der Protagonist will sich seinem Schicksal nicht ergeben und kann die Adresse des Verlagschefs ausfindig machen. Er nutzt seinen letzten Tag, um diesen aufzusuchen, nicht in einem mondänen Verlagsgebäude, sondern in einer schäbigen Wohnung einer abgelegenen Siedlung. Und dann erzählt ihm der Verlagsleiter die Entstehungsgeschichte der Vorhersagen in der Zeitung, die ursprünglich vereinzelte, reine Entertainment-News waren. Doch die Leser glaubten sie, und mittels Digitalisierung und eines mächtigen Algorithmus konnte die Realität der Vorhersage angepasst werden – niemanden interessierten Richtigstellungen oder Konkurrenzblätter. Und mit zunehmender Automatisierung verlor man die Kontrolle über die sich selbst erfüllenden Prophezeihungen.

Eine gute, spannende Idee ergibt noch keine gute Geschichte, doch Uwe Hermann kann die fehlenden Zutaten liefern, wirft die Lesenden in eine gelungene Anfangsszene mit einer liebenswürdig-chaotischen Familie, lässt sie die Verzweiflung des Ich-Erzählers spüren, erzeugt mit einer Mischung aus gutgemeinten Ratschlägen und wenig hilfreichem Pragmatismus der Anderen einen plausiblen Weltenbau und liefert eine aberwitzige Erklärung für diese zukünftige Welt, die letztendlich eine kaum getarnte Anklage an die Leichtgläubigkeit der Internet-User ist, die zunehmend verlernen, Fakten und Fakes zu unterscheiden, und vor allem das Interesse an diesem Unterschied verlieren. Zu einer guten Geschichte gehört auch ein gelungener Schluss mit Twist oder Pointe, und auch dies kann »Die Nachrichtenmacher« vorweisen, garniert mit einem Kniff, der ein allzu vorhersehbares Ende wieder in Frage stellt. Und zu einer guten Laudatio gehört es, dieses Ende nicht zu verraten.

Es wäre aber auch keine Story von Uwe Hermann, würde der Humor fehlen. Trotz des traurigen Einstiegs mit einer Todesmeldung und der warnenden Botschaft vor unserem Umgang mit echten und falschen Nachrichten blitzt überall der Schalk des Autors auf, sei es in den pointierten Reaktionen der Familie und des Kollegen, den kleinen Übertreibungen von klischeehaften Details, dem fast absurden Pragmatismus der Betroffenen oder der witzigen Auflösung der tödlichen Prophezeiung.

Und so stimmt die Mehrheit der deutschsprachigen SF-Schaffenden dafür, Uwe Hermann für »Die Nachrichtenmacher« den Kurd Laßwitz Preis für die beste deutschsprachige Science-Fiction-Erzählung des Jahres 2022 zu verleihen.