Beste Erzählung: Uwe Hermann, »Die End-of-Life-Schaltung«
Laudatio:
Der Ich-Erzähler ist ein alter Mann, der seine beginnende Demenz auch selbst wahrnimmt, ohne dass ihm sein Sohn mit dem Wechsel ins Seniorenheim drohen muss. Als der Sohn ihn besucht, hat er einen betagten Androiden als Haushalts-hilfe mitgebracht, den der Erzähler nur widerwillig akzeptiert. Der Androide kontert die mürrische Kommunikation des Erzählers geschickt, fordert den alten Mann körperlich wie mental und setzt sich immer wieder durch. Der vergessliche Alte blüht wieder auf und ist erstaunt, als er erfährt, dass sein Sohn den Androiden zu ihm gebracht hat, um den ausrangierten Androiden vor der Abschaltung zu retten. Eine Zeitlang verläuft alles bestens, doch dann erreicht der Androide seine End-of-Life-Phase und schaltet sich ab. Jetzt stellt sich heraus, dass der Sohn nicht nur seinen Vater aus der Lethargie reißen, sondern auch dem Androiden nochmals eine Lebensaufgabe geben wollte. Danach verfällt der alte Mann wieder, bis der Sohn mit einem anderen, derangierten Androiden an der Tür klingelt.
Die Geschichte ist szenisch geschickt aufgebaut und kann so völlig auf externe Erklärungen verzichten. Mittels der Ich-Perspektive und teils tiefgründigen, teils humorigen Gedankengängen wird der Erzähler sehr schön eingeführt, man spürt dessen Resignation. Und dann folgen herrliche Dialoge voller Augenzwinkern, die nicht nur die Protagonisten, sondern auch die Geschichte in eine andere Richtung drehen. Uwe Hermann balanciert gekonnt zwischen Situationskomik und Melan-cholie, Wortwitz und traurigen Details, dem grummeligen Duktus des Erzählers und den emotionslosen, sachlichen Antworten des Androiden. Das kumuliert im raubauzigen Empfang des neuen Gastes; eine Szene, welche die Story sehr treffend und zusammenfassend beendet.
Die Kurzgeschichte streift fast beiläufig, aber doch sehr treffend, aktuelle Diskus-sionsthemen wie die Überalterung der Bevölkerung, den Einsatz von Maschinen für die Altenpflege, die Vereinsamung im Alter durch fehlendes Zusammenleben von Großfamilien, aber auch den Umgang mit Krankheiten wie Demenz oder dem Sterben. Und sie spiegelt dies im Androiden, den ein ähnlich deprimierendes Lebensende erwartet, wenn man ihm zugesteht, mehr als nur eine Maschine zu sein. Dass sich die fortschrittliche Idee einer Künstlichen Intelligenz mit Gefühls-leben ausgerechnet in altmodisch aussehenden, abgewrackten Androiden mani-festiert, zeigt wieder den Humor des Autors.
Und so stimmt die Mehrheit der deutschsprachigen SF-Schaffenden dafür, Uwe Hermann für »Die End-of-Life-Schaltung« den Kurd Laßwitz Preis für die beste deutschsprachige Science-Fiction-Erzählung des Jahres 2023 zu verleihen.