Bester Roman: Uwe Hermann, »Nanopark«

Laudatio:

Im Nanopark, einem Freizeitpark mit Augmented Reality, soll Versicherungsagent Simon die Hintergründe eines Todesfalls ermitteln, als der Park von Terroristen besetzt wird. Doch Simon ist ehemaliger Polizist und versucht, die Terroristen zu stören.

Was wie ein typischer Thriller klingt, gewinnt durch seinen SF-Touch. Die Augmented Reality des Freizeitparks funktioniert nicht über Brille und Ohrhörer, sondern über eine mit Nanobots angereicherte Atemluft, welche computergesteuert die Sinneswahrnehmung der Besucher beeinflusst – nur das Personal trägt ein Armband, das die Nanopartikel neutralisiert. Dazu benötigt der Park einen Hochleistungscomputer, und dieser ist das Ziel der Terroristen, denn dort werden auch Bitcoins geschürft. Da die Terroristen die Vorspiegelungen der Nanobots auch für eigene Zwecke nutzen, sind die Protagonisten wie die Besucher ständig diesen Irritationen ausgesetzt. Aber nicht nur der terroristische Missbrauch wird angeprangert, zwischen den Zeilen kritisiert der Autor Uwe Hermann sehr deutlich den aktuellen Umgang mit digitaler Manipulation und die Verharmlosung durch die profitierenden Firmen.

Zu den Helden des Romans zählen neben Expolizist Simon die Parkangestellte Hanna, die ihn bei den Ermittlungen unterstützen soll und nun mit ihm gemeinsam gegen die Terroristen vorgeht, und der Besucher Habeck, der mit seinen Zwillingen einen schönen Tag im Park verbringen wollte. Als die Terroristen den Park abriegeln, betrifft das auch die beiden Kinder von Hanna, die ihr Exmann einfach im Park absetzt. Habeck kümmert sich um alle vier Kids und beschützt sie vor den Terroristen, da diese versuchen, mittels der Kinder Hanna zur Kooperation zu zwingen. Auf Seiten der Polizei steht der Beamte Bernhard im Vordergrund, der den Todesfall bearbeitet hatte und sich permanent gegen das Mobbing seines Vorgesetzen wehren muss, dabei aber als einziger die Absichten der Terroristen durchschaut.

Obwohl Autor Uwe Hermann sehr schnell das Tempo anzieht und aus dem Thriller eine rasante Actiongeschichte mit vielen Verfolgungsjagden quer durch die Parkattraktionen macht, kann er seinen Protagonisten viel Leben einhauchen und sie dem Leser sympathisch machen. Die vier vorlauten Kids werden sehr schön ins Geschehen mit einbezogen, Simon und Hanna haben ähnliche Vorgeschichten und verstehen sich daher bestens, der tätowierte Habeck widerspricht allen Klischees und Bernhards Widerstand ist einfach nur großartig – und so bedauert man als Leser fast, dass die zunehmende Action verhindert, noch mehr über die Helden zu erfahren.

Uwe Hermann schildert das Geschehen so anschaulich, dass es beim Lesen als Kopfkino abläuft. Und am Ende sorgt eine überraschende Wendung für Originalität. Wobei auch die Kapitelüberschriften sehr ungewöhnlich sind und viel vom Humor des Autors, den er auch gerne in seinen Kurzgeschichten auslebt, durchblicken lässt. In seinem Thriller ist dieses Augenzwinkern für die vier Kids reserviert, welche die problembeladenen Erwachsenen immer wieder alt aussehen lassen.

Die Mehrheit der deutschsprachigen SF-Schaffenden stimmt dafür, Uwe Hermann für »Nanopark« den Kurd Laßwitz Preis für den besten deutschsprachigen Science-Fiction-Roman des Jahres 2021 zu verleihen.