Edgar und die Flugsummse

Erschienen in den KIGA-News des Kindergartens Bordenau.

An diesem Tag war es so warm, dass die Bewohner der tausendjährigen Eiche, die irgendwo tief im Wald auf einer großen Lichtung stand, schon glaubten, die Vogelbeeren an den Sträuchern würden schmelzen. Natürlich schmolzen sie nicht, auch wenn Edgar Bienenstich noch so ungeduldig darauf wartete. Es war ein Sommertag, wie es ihn schon lange nicht mehr gegeben hatte. Keine einzige Wolke hinderte die pausbäckige Sonne daran, mit ihren Strahlen nach der Erde zu greifen, und selbst der Duft, den die wilden Blumen auf der nahen Wiese verströmten, schien sich kaum bewegen zu wollen.

Edgar Bienenstich ging es nicht anders. Der kleine Krabbelkäfer lag im Schatten unter einem Löwenzahnblatt am Rande des Flusses und gähnte laut. Seit fast zwei Stunden wartete er nun schon darauf, dass die Beeren an den Sträuchern endlich schmelzen würden. Leider taten sie ihm diesen Gefallen nicht, und der Krabbelkäfer fragte sich langsam, ob ihn sein Freund Nick nicht vielleicht auf den Arm genommen hatte, als er sagte, die Beeren würden schmelzen.

Edgar lauschte mit einem Ohr den unzähligen Stimmen um sich herum. Neben ihm plätscherte ein kleiner Fluss, und der Käfer drehte den Kopf und warf einen müden Blick auf das Wasser. Krabbelkäfer hassten Wasser, und Edgar machte da keine Ausnahme, doch diese Temperaturen ließen ihn sogar seine Abneigung gegen das feuchte Nass vergessen. Er erhob sich und ging auf seinen sechs Beinen langsam bis an das Wasser. Als er seinen Zeh prüfend hineinsteckte, zog er ihn entsetzt wieder zurück und beschloss, dass er für diesen Sommer genug mit Wasser in Berührung gekommen war. Gerade als er sich umdrehen und zurück in den Schatten unter dem Löwenzahnblatt gehen wollte, hörte er eine helle Stimme.

„Du bist aber wasserscheu.“

Edgar sah sich erschrocken um.

„Quatsch, ich habe nur keine Lust, mich nass zu machen“, sagte er.

Die helle Stimme lachte leise.

„Du bist doch wasserscheu“, rief sie.

Edgar konnte niemanden sehen.

„Wo bist du?“, fragte er. „Warum versteckst du dich? Hast du Angst?“

„Pah, eine echte Flugsummse hat niemals Angst“, antwortete die Stimme und fuhr fort: „Und ich verstecke mich auch nicht.“

„Und warum kann ich dich dann nicht sehen?“

„Weil du dummer Käfer die Augen nicht richtig aufmachst. Hier oben bin ich.“

Edgar blickte hoch und sah sie: Eine kleine, grüne Libelle, die ihn mit großen Augen neugierig ansah. Ihre schlanken, durchsichtigen Flügel waren fast so lang wie ihr ganzer Körper, und sie bewegten sich so schnell, dass Edgar fast schwindlig wurde. Die Libelle landete neben dem Krabbelkäfer.

„Was ist?“, fragte sie. „Hast du noch nie eine Flugsummse gesehen?“

Edgar schüttelte den Kopf, und die Flugsummse packte seine Knollennase, die vor ihr von links nach rechts und wieder zurück wanderte, und drückte zu.

Der kleine Krabbelkäfer schrie vor Schmerz laut auf und rieb sich schimpfend seine Nase. Die Flugsummse aber fing wieder an zu kichern.

„Pass mal auf“, sagte sie, „ich zeige dir jetzt ein Kunststück.“

Blitzschnell hob sie vom Boden ab, flog einen Salto und stürzte sich dann in den Fluss. Mit einem lauten Platschen tauchte sie ein. Das Wasser spritzte nach allen Seiten davon und traf Edgar. Der Krabbelkäfer sprang entsetzt zurück.

„Was hast du gemacht?“, rief er wütend. Er schüttelte sich, und unzählige Wassertropfen fielen zu Boden. „Du hast mich ja ganz nass gemacht.“

„Na klar“, sagte die Flugsummse, als sie wieder neben Edgar gelandet war, „ich wollte dir nur mal zeigen, wie warm das Wasser ist.“

„So? Das finde ich aber gar nicht komisch“, schimpfte Edgar.

„Nein?“, fragte die Flugsummse scheinheilig und fing wieder laut an zu kichern. „Aber ich!“ Sie wälzte sich lachend auf dem Boden.

So etwas war Edgar ja noch nie passiert. Normalerweise war er es, der die anderen Bewohner der alten Eiche ärgerte, und nun kam eine kleine, dafür aber umso frechere Flugsummse an und ärgerte ihn. Edgar wischte die restlichen Wassertropfen von seinem Panzer und beschloss, sich von dieser Libelle nicht weiter auf den Arm nehmen zu lassen. Er drehte sich um und ging davon.

„Hey, nun sei doch nicht gleich eingeschnappt“, rief ihm die Flugsummse hinterher. Sie flog über Edgars Kopf hinweg und landete vor ihm.

„War doch nur Spaß“, sagte sie und schaute den kleinen Krabbelkäfer dabei mit einem unschuldigen Blick an. „Komm, lass uns etwas spielen.“

Edgar sah sie misstrauisch an.

„Aber nicht wieder nass machen.“

„Ganz bestimmt nicht“, sagte sie scheinheilig, „ich heiße Schniefi, und du?“

„Edgar Bienenstich.“

Die Flugsummse schaute ihn ärgerlich an. „Wie heißt du denn nun? Edgar oder Bienenstich?“

„Das habe ich doch schon gesagt: Edgar Bienenstich“, antwortete der Krabbelkäfer.

Schniefi machte ein eingeschnapptes Gesicht.

„Wenn du mir nicht sagen willst, wie du heißt, dann will ich auch nicht mit dir spielen“, schimpfte sie.

„Aber das habe ich doch schon“, antwortete Edgar verzweifelt, „ich heiße Edgar Bienenstich.“

Die Flugsummse sah ihn an und kratzte sich dann an ihrem Kopf.

„Das verstehe ich nicht“, sagte sie.

„Wieso, was gibt es denn da nicht zu verstehen? Vorne heiße ich Edgar und hinten Bienenstich.“

Die Flugsummse kicherte. „Ach so, warum hast du das denn nicht gleich gesagt?“ Sie tapste mit ihren kleinen Füßen einmal um Edgar herum und blieb an seinem Hinterteil stehen. „Hallo Bienenstich!“, rief sie laut und pikste dem Krabbelkäfer in den Popo.

„Was machst du denn da?“, rief Edgar entsetzt und sah sich um.

„Stör mich nicht, ich rede jetzt mit Bienenstich.“ Sie guckte wieder auf Edgars Popo. „Hast du auch Lust mitzuspielen, Bienenstich?“

Edgar verdrehte die Augen und stöhnte laut. Wie kann man nur so dumm sein, dachte er.

„Was ist? Redest du nicht mit mir?“, schimpfte Schniefi, als Edgars Popo ihr nicht antwortete. „Dann eben nicht.“ Sie gab Edgars Hinterteil einen gewaltigen Fußtritt, und der Krabbelkäfer fiel kopfüber in den Sand. Schimpfend kam er wieder auf die Beine.

„Spinnst du?“, rief er. „Du kannst mich doch nicht einfach in den Po treten!“

„Wieso dich?“, fragte die Flugsummse unschuldig. „Ich habe nur Bienenstich getreten, aber der ist sowieso so blöd, mit dem spiele ich nicht.“

„Jetzt hör mal zu“, sagte Edgar ärgerlich. „Ich bin Edgar und ich bin Bienenstich, äh, ich meine ...“, stotterte er. „Ich heiße Edgar Bienenstich, verstehst du?“

Die Flugsummse riss ihre Augen weit auf.

„Willst du damit sagen, dass du zwei Namen hast?“

„Ja, genau.“ Edgar nickte. Endlich hatte sie es begriffen.

„Mann“, staunte Schniefi, „musst du aber reich sein, wenn du dir zwei Namen leisten kannst.“

„Bei uns haben alle zwei Namen“, erwiderte Edgar.

„Alle haben zwei Namen?“, fragte die Flugsummse und fing dann laut an zu schreien. „Alle haben sie zwei Namen, nur ich nicht! Ich will auch zwei Namen!“

Schniefi machte so ein Geschrei und Gezeter, dass die ersten wütenden Gesichter in den Fenstern der Eiche erschienen. Edgar versuchte die Flugsummse zu beruhigen, aber Schniefi fing nur noch lauter an zu heulen. Der Krabbelkäfer hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und überlegte, was er tun konnte. Endlich kam ihm eine Idee.

„Hör doch auf zu weinen“, rief er, so laut er nur konnte. „Du hast doch auch mehrere Namen!“

Schlagartig verstummte die Flugsummse. Sie blickte Edgar erstaunt an.

„Ich habe auch mehrere Namen?“

Edgar nickte.

„Klar“, sagte er. „Du heißt doch Schniefi, die Flugsummse.“

Schniefi überlegte kurz und jubelte dann lautstark: „Ich habe ja sogar drei Namen!“ Worauf sich erneut die Fenster öffneten und die schimpfenden Erwachsenen ihre Köpfe herausstreckten. Schniefi ließ sich dadurch jedoch nicht stören.

„Ätsch! Ich habe drei Namen und du hast nur zwei“, lachte sie.

Edgar stöhnte laut auf und schlug sich die Hände vor den Kopf. Warum muss immer mir so etwas passieren, dachte er. Die Flugsummse schoss laut jubelnd davon und ließ Edgar allein, jedoch nicht, ohne ihn noch einmal richtig nass gespritzt zu haben. Noch lange konnte der Krabbelkäfer ihre helle Stimme hören: „Ich habe drei und er hat nur zwei! Ich habe drei und er hat nur zwei ...“

© Uwe Hermann, 1990
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