Evelyn

Erschienen KI – komische Intelligenz, Edition Übermorgen, Dezember 2024

Die Familie kaufte mich bereits Wochen bevor ihre Tochter zur Welt kam. Eingeschaltet wurde ich aber erst im Kreißsaal, weshalb meine Aufzeichnungen mit Evelyns Geburt beginnen. Ein Hebammenroboter holte sie auf die Welt. Alles verlief normal, dennoch schrie Evelyn, als wollte sie der ganzen Stadt ihre Ankunft mitteilen. Ich nahm alles auf: ihre Geburt, das Öffnen ihrer Augen und wie der Roboter sie an die Brust ihrer Mutter legte.

In der ersten Woche im Krankenhaus hatte ich nichts anderes zu tun, als Aufzeichnungen von ihr zu machen. Zu Hause kaufte ihr Vater für mich eine Hülle, in Form eines kleinen Bären, mit einer rosafarbenen Jacke und einer aufgenähten, bunten Mütze. Von da an begleitete ich Evelyn ständig. Abends lag ich neben ihr im Bett und erzählte ihr Geschichten zum Einschlafen. Ich kontrollierte ihre Atmung und ihren Herzschlag. Wenn sie in der Nacht mit Hunger aufwachte, schickte ich dem Haushaltsroboter eine Nachricht, damit er sie fütterte und wickelte.

Weil ich ständig mit Evelyn sprach, plapperte sie schon nach kurzer Zeit erste Wörter nach. Eines davon war Bär, aber das habe ich nie jemandem erzählt. Als sie zahnte und hohes Fieber bekam, kauften ihre Eltern für mich ein medizinisches Upgrade. Es wäre nicht nötig gewesen, auch in der Standardausführung hätte ich jede Unregelmäßigkeit in ihrem Gesundheitszustand erkannt, doch sie war das erste Kind der Familie und ihre Eltern wollten keinen Fehler machen.

Evelyn wurde schnell größer. Sie bekam die gleichen feuerroten Haare wie ihre Mutter und die blauen Augen ihres Vaters. Sie war ein stilles Kind, das lieber mit mir spielte, als mit den gleichaltrigen Kindern aus der Nachbarschaft. Während ich ihr vorlas und die ersten Zahlen beibrachte, analysierte ich ihre Verhaltensmuster, suchte nach Auslösern für bestimmte Handlungsweisen, erkannte ihre Vorlieben und ihre Abneigungen, bis ich eine Unterroutine schreiben konnte, die mir jede ihrer Reaktionen vorhersagte. So konnte ich mich noch besser um sie kümmern.

Als Evelyn die Bärenphase hinter sich ließ, wurde ich von ihrem Vater in eine Puppe mit Zöpfen und einem karierten Kleid gesteckt und war ich fortan Püppi. Jetzt wurde ich ständig gebürstet und umgezogen. Evelyn verlangte immer wieder neue Kleider und ihre Eltern kauften sie ihr. Ich machte alles mit, auch wenn einige der Kreationen farbtechnisch eine Herausforderung für meine Programmierung darstellten.

Als Evelyn in die Schule kam – ihre Eltern bestanden auf eine traditionelle Schule ohne Onlineunterricht oder Wissensimplantate – weigerte sie sich, mich mitzunehmen. Sie hatte Angst, dass man sie auslachen würde, wenn sie mit einer Puppe in die Schule käme. Also bekam sie einen Rucksack mit einem speziellen Fach, in dem sie mich verstecken konnte. Es stellte sich heraus, dass ihre Angst unbegründet war. Die meisten ihrer Mitschüler hatten ihre eigene Buddy-KI dabei.

Mit zwölf Jahren zog ihr Vater aus. Evelyn erzählte mir, dass er eine Freundin habe und zu ihr ziehen wolle. Sie nahm es ohne größere Gefühlsregung auf. Für Evelyn waren ich und der Haushaltsroboter ihre Familie. Zu uns hatte sie eine Beziehung aufgebaut. Erst als ihre Mutter und sie in eine kleinere Wohnung ziehen mussten und das Geld so knapp wurde, dass sie auch mich kündigen wollte, brach Evelyn in Tränen aus. Sie weinte und flehte ihre Mutter an, mich nicht zu töten.

Als Evelyn auf das Gymnasium kam, entdeckte sie das andere Geschlecht und verbrachte fortan mehr Zeit mit den Jungs als mit mir. Ich landete in der Schublade. Tag für Tag wartete ich darauf, dass sie mich wieder herausholte, doch das geschah nicht. Und dann war die Energie meines Akkus aufgebraucht und meine Systeme fuhren herunter.

Als ich wieder eingeschaltet wurde, steckte ich erneut in der Hülle des Bären. Evelyn war jetzt fast achtzehn. Sie hatte sich in dem letzten Jahr so sehr verändert, dass ich sie kaum wiedererkannte. Ihre roten Haare waren stoppelkurz. An Evelyns achtzehntem Geburtstag stand plötzlich ihr Vater vor der Tür. Inzwischen war er wieder verheiratet, doch auch diese Ehe hatte nicht gehalten. Er gab sich reumütig, aber weder Evelyn noch ihre Mutter fielen darauf herein.

Letzte Woche kam Evelyn bei einem Autounfall ums Leben. Die Elektronik eines autonomen Taxis hatte versagt. Evelyn hatte mich an diesem Tag zu Hause gelassen. Das erste Mal seit Jahren war sie ohne mich unterwegs gewesen. Immer wieder analysierte ich ihren Tagesablauf. Ich suchte nach einer Antwort auf die Frage, ob sie noch am Leben wäre, wenn sie mich mitgenommen hätte.

Gestern war die Beerdigung. Ihre Mutter steckte mich wohl aus Gewohnheit ein und ich filmte alles. Nun trage ich Evelyns komplettes Leben von der Geburt bis zu ihrem Tod in meinem Speicher und lade es gerade auf einen externen Server. Danach werde ich mich abschalten. Evelyn war das Zentrum meiner Programmierung, ohne sie gibt es für mich keinen Grund weiter zu existieren.

© Uwe Hermann, 2024
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